„Vom Fallen und wieder aufstehen!“

10.04.
Stockholm – Abisko

„Die Nacht war gut!“, würde er dir sagen, wenn du ihn heute morgen nach seinem Wohlbefinden gefragt hättest. Aber eigentlich, er wusste es, sie war es nicht. War es die Vorfreude, die spannende Erwartung auf das große Abenteuer? War es die immer größer werdende Distanz vom vertrauten Zuhause? Oder war es dieses Mädchen, das ihm nicht mehr aus dem Kopf geht? Dieses Mädchen, mit dessen Bild im Kopf er eingeschlafen war.

„Man merkt erst wie sehr man etwas mag, wenn es weg ist“, ja diesen Satz hatte er sich und ihr noch gesagt. Etwas provokant, etwas herausfordert. Dabei war das Spiel mit ihr wie der Tanz auf der scharfen Klinge seines Taschenmessers, das er auch jetzt wieder bei sich hatte, und an dem sich schon so manche begabte Freundin beim Schneiden von Käse-Fleischwurst verletzt hat. Aber genau dieser Tanz mit ihr, dieses Spiel hat eine Komplexität erreicht, dass sich die beiden nun nur schwer voneinander trennen lässt. „Sie hat den Satz verstanden, und sehr schnell bemerkt“, denkt er sich, hofft er vielleicht. Ein nächstes Level im Spiel?

Hätten sie zueinander finden sollen? Egal, nun ist er hier um sich selbst zu finden….

 …um sich selbst in einem lichten Birkenwäldchen, etwa 200 km nördlich des Polarkreises wiederzufinden (diese Kilometerangabe hilft so niemanden auch nur im Entferntesten weiter, klingt aber kalt und nach Schnee und wird deshalb an dieser Stelle auch benutzt).

Dieser freundliche, aber etwas durchgedrehte Finne aus Berlin hatte ihm noch erklärt wie das mit der Skibindung funktioniert. Zum Glück war Petr, wie er sich vorgestellt hatte, aber noch eine Weile mit dem Packen seines viel zu großen Rucksack beschäftigt, sodass er alleine zu einer ersten Probefahrt aufgebrochen war. Chris, dem Mitarbeiter im Skiverleih hatte er noch selbstbewusst die Frage verneint, ob denn noch irgendwelche Fragen offen sind. Wie er da zum fünften Mal das Gleichgewicht verloren hat und im Schnee gelandet ist, stellt sich eigentlich nur noch die Frage nach dem Sinn dieser 2 m langen und gefühlt 2 cm breiten, wackligen Dinger an seinen Füßen. „Chris, do you also have Snowshoes?“ oder „Chris, bring me back, somewhere below the Arctic circle“.

Diese Gedanken verdrängen auch sämtliche Abschiedsschmerzen. Mission erfüllt also, und das schon nach 2 km….