„Nicht vom Aufgeben, aber vom Zurücklassen“

Am Ziel: Nikkaluokta

„Aufgabe“ – ja eine Aufgabe hat er sich schon gestellt. Erst jetzt, 7 Tage später wird ihm das so bewusst. Aber „aufgeben“, nein das stand nie zur Debatte. Das Hadern und Fluchen, das gehört zum Abenteuer genau so, wie zum Leben. Das Leben, das Abenteuer hat er zugunsten seiner Tour (oder Tortur?) die letzten Tage ja so komplett ausgeblendet. Und dieses Abenteuer, das befand sich gerade irgendwo im Stadium zwischen Etappe 2 und vielleicht 3, wenn man es im Fachjargon ausdrücken möchte. Denn, „über den Berg“, am höchsten Punkt seiner Tour war er erst am 4. Tag gewesen. Und die Sonne, die zeigte sich auch passenderweise erst an diesem Tag. Aber genau diese Sonnenstrahlen, in diesem Moment des Triumphs, die haben zu seinem fatalsten Sturz auf seiner Tour geführt. Voll überschwänglichen Übermutes, voll mit der Fresse in den Schnee. Man muss ja nicht zu jedem Detail Analogien zum Abenteuer Leben ziehen.

Also, Tag 2 oder Tag 3, im Nebel, etwas stürmisch, angeschlagen, aber kein Weg zurück, gerettet, voll im Plan.

Aufgegeben hatte er also nichts, aber zurück gelassen? Kann man das so sagen? Der Gedanke war alle Tage in seinem Sinn gewesen, omnipräsent irgendwo unter der Großhirnrinde.

Hätte er das am Tag 0 gewusst, hätte er etwas anders gemacht?

Wäre er jetzt nicht hier, nicht alleine?

Es war und wäre eine Last gewesen, eine Last, die er nicht mehr bereit war zu tragen. „Last“, welch hartes Wort. Zudem eine Last, die er so einfach abgelegt hatte. Zurückgelassen… und damit auch aufgegeben?

Bilder, wiederkehrend in seinem Kopf, Tag um Tag. Um eine Lösung bemüht, das konnte er sich nicht vorwerfen. Lösungen, die er mit dem Abwägen von Kosten und Nutzen zu beurteilen versuchte. Der berechnend denkende Ingenieur, tief in seiner Seele verwurzelt Sollte er nicht ein bisschen Gefühl mit  in die Waagschale werfen? (Ein bisschen wie so ein Architekt denken?)

Denn, was hatten sie alles zusammen erlebt? Ein Team, treue Gefährten waren sie gewesen. Das Abenteuer Leben hat sie beide bis hier her gebracht, und es hatte doch eigentlich so gut gepasst. Welche Wegen hatten sie nur schon gemeinsam bestritten….

Und am Ende war es am Tag 1 eine Entscheidung der Vernunft, alte Lasten hinter sich zu lassen.

Schritt für Schritt entfernte er sich, verschwand in der weisen Landschaft.

Sie standen noch da, seine warmen Schuhe, die keinen Platz mehr in seinem Rucksack gefunden hatten. Zurückgelassen…

…und da er wohl nicht mehr zu seinem Startpunkt zurück kommen wird, aufgegeben…

…ersetzt durch seine neuen Schuhe…

…die er heute, 7 Tage später in ein Paket packen musste und dem Ausrüstungsverleih an seinem Startort zurück schicken musste.

„Blicke nicht zurück, sei stark“, versuchte er sich fest einzureden. Nasse Füße bekommt er trotzdem.

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